Wir danken für die Erlaubnis zu dieser Kopie.
Sonniger Frühlingstag, spiegelglatter Vierwaldstättersee:
Auf dem Dampfschiff ereifert sich eine Gruppe Senioren über die schweisstreibende
Turnschuhmode, den Fluch ihrer Enkelkinder. Plötzlich gerät die
schön geschwungene Halbinsel Hertenstein, bestanden mit majestätischen
Baumgruppen, vor ihre Augen. «Isch das es schöns Plätzli»,
sagt einer. Schon vertäuen die Matrosen den 100-jährigen Raddampfer
«Uri» an der Schifflände. Am Ufer wartet Werner Hegglin,
Co- Leiter des Bildungshauses «Stella Matutina» der Baldegger
Schwestern. Sein erster Satz nach der Begrüssung: «Für
uns ist die Landschaft die Hälfte des Angebots, das wir zu bieten
haben.» Tatsächlich: Kastanien strecken ihre roten und weissen
Kerzen empor, Blumenwiesen mit Wiesensalbei und Margeriten überziehen
die Hügel, und vier Milane kreisen über dem Eichenwald. «Im
August fliegen sie bis nach Westafrika. Pünktlich zum 19. März
landen sie wieder bei uns», erklärt Hegglin, der sich rasch
als ein Kenner der Landschaft erweist. Er kann nicht nur die Vogelstimmen
der mannigfaltigen Vogelwelt von Hertenstein unterscheiden, sondern auch
den Klang des Signalhorns den einzelnen Raddampfern auf dem Vierwaldstättersee
zuordnen.
Heute indes gilt die Neugierde mehr der Geschichte, die ihre Chronik
in Jahrzehnten und Jahrhunderten abspult. Immerhin diente die kleine Halbinsel
Hertenstein manchmal der Weltgeschichte und ihren Grössen als Bühne.
Davon kann der pensionierte Dorfschullehrer Josef Doppmann erzählen,
der in Weggis auf uns wartet. Das Schiff fährt bereits am Hotel Hertenstein
vorbei. Buntfarbige Liegestühle auf der Wiese vor dem Hotel künden
bereits den Sommer. Wenige Minuten später in Weggis beginnt die Lektion
Lokalgeschichte. Hertenstein ist nach seinen Vögten benannt. Dass
von deren Burg kein Stein mehr steht, zeigt wiederum: Die rebellierenden
Eidgenossen haben auch hier eine Vogtei geschleift. Für die Hertensteiner
und Weggiser hatte die Historie aber kein Happy End bereit. Doppmann zeigt
ein Bild aus der Diebold-Schilling- Chronik, wie die Weggiser unter Zwangsmassnahmen
von Luzerner Soldaten zum Huldigungseid verpflichtet wurden. Fron für
die Stadt und Fron für die patrizischen Pfarrherren machten das Leben
rund um den Rigi nicht leicht. Heute dagegen ist hier ein Paradies: «Es
ist so schön hier, dass ich kaum zum Reisen komme», sagt der
Pensionär und Pädagoge Doppmann. Manchmal greift er zur Feder,
um in Mundart das Lob aufs «schönste Fläckli Erde»
anzustimmen.
Bereits der Erste Weltkrieg hatte Hertenstein grundsätzlich verändert.
Das von Gönnern errichtete und 1909 eröffnete Freilichttheater
schloss während des Krieges seine Tore, und das im Rohbau befindliche
Höhere Töchterinstitut hatte mit finanziellen Schwierigkeiten
zu kämpfen. Als Retterinnen in der Not sprangen 1916 die Baldegger
Schwestern ein, die das schön renovierte Jugendstilgebäude bis
heute mit Leben erfüllen.
Die Gestade rund um Hertenstein scheinen für grosse Entwürfe die stimulierende Ambiance zu bieten. Dies schätzte auch der russische Komponist und Pianist Sergei Rachmaninow, der sich in der von einem botanischen Garten umgebenen «Villa Senar» niederliess. «Hier gibt es eben gerade die Stille und Ruhe, derer ich so bedarf», schrieb der Musiker in einem Brief über Hertenstein. Dieser liebliche Ort, in dem sich Berge, See und eine paradiesische Parklandschaft treffen, bietet sich mit seinem weit verzweigten Wegenetz als Ausgangspunkt für eine Rigi-Besteigung an - denn «ein solch lustbarlich Ort und Geländ'» wird an dem ganzen See nicht gefunden.
Delf Bucher -- http://www.baldeggerschwestern.ch/stellamatutina/